Aktuelles aus dem Gustaf-Dalman-Institut

Besuch des Landesrabbiner Yuriy Kadnykov (Foto: Magnus Schult)
Besuch des Landesrabbiner Yuriy Kadnykov (Foto: Magnus Schult)
Besuch des Landesrabbiner Yuriy Kadnykov (Foto: Magnus Schult)
Besuch des Landesrabbiner Yuriy Kadnykov (Foto: Magnus Schult)

Landesrabbiner besucht Dalman-Sammlung

Yuriy Kadnykov, der Nachfolger von William Wolff als Landesrabbiner in Mecklenburg-Vorpommern, besuchte am Donnerstag, 23. November, die Gustaf-Dalman-Sammlung in der Greifswalder Theologischen Fakultät. Geführt wurde er von den beiden Direktoren der Sammlung Prof. Dr. Stefan Beyerle (Altes Testament) und Prof. Dr. Christfried Böttrich (Neues Testament). Tief beeindruckt zeigte er sich dabei von den zahlreichen Zeugnissen jüdischer Tradition und Kultur, die lebendig in Lehre und Forschung, in das studentische und kulturelle Leben der Stadt eingebunden sind. Im Gästebuch der Sammlung würdigte Kadnykov dieses Engagement mit den Worten: „Es ist eine große Arbeit, Alles zu bewahren und die zukünftigen Generationen zu belehren. Die Geschichte soll lebendig bleiben.“ Im Anschluss traf sich Kadnykov in den Räumen der Fakultät zu einem Gespräch mit dem Arbeitskreis Kirche und Judentum im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis. Am Abend folgte sein öffentlicher Vortrag „Martin Luther aus jüdischer Perspektive“ im Soziokulturellen Zentrum St. Spiritus.

Geboren 1975 in Jewpatorija/Krim, wirkt Yuriy Kadnykov seit 2015 als Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. 2003 war er nach Deutschland gekommen. Seine Ausbildung zum Rabbiner absolvierte er am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, studierte an der dortigen Universität Jüdische Studien, Religions- und Literaturwissenschaft. Kadnykov wurde 2010 vom Deutschen Akademischen Austauschdienst für seine Arbeit über „Maaset Mirjam – Numeri 12“ ausgezeichnet. Seine gemeindlichen Schwerpunkte sieht er heute in der Kinder- und Jugendarbeit, zudem engagiert er sich in der Integration sowie im interreligiösen Dialog.

Die Greifswalder Gustaf-Dalman-Sammlung dokumentiert die von Bauern und Hirten geprägte Kulturlandschaft Palästina, wie sie heute nicht mehr erlebbar ist. Schon vor dem Ersten Weltkrieg trug der deutsche Theologe Gustaf Dalman (1855-1941) zusammen, was für ihn das Land der Bibel ausmachte. So verfügt das Institut über Gesteins- und Pflanzenproben, Haus- und Ackergeräte, Keramiken, archäologische Kleinfunde, Land- und Reliefkarten, rund 20.000 historische Fotografien und eine Bibliothek mit rund 5.000 Bänden – darunter seltene Drucke des 16. Jahrhunderts. Was sonst Ethnologen, Archäologen, Geographen, Theologen, Botaniker und Mineralogen je für sich betrachten, hat Dalman in Greifswald zu einem Universalbild zusammengefügt.


Gustaf Dalman in der Deutschen Digitalen Bibliothek (Bild: Screenshot)
Gustaf Dalman in der Deutschen Digitalen Bibliothek (Bild: Screenshot)

Dalman in der Deutschen Digitalen Bibliothek

Seit August diesen Jahres befindet sich Gustaf Dalman in bester Gesellschaft: 5.177 bebilderte Datensätze des Greifswalder Dalman-Instituts sind auch über die "Deutsche Digitale Bibliothek" (DDB) abrufbar. Das Online-Portal versammelt insgesamt über 22.000.000 Datensätze aus Museen und Archiven der gesamten Bundesrepublik – Tendenz steigend. Für das Dalman-Institut, dessen Artefakte ebenso und weiterhin über das zentrale Sammlungsportal der Universität Greifswald erschlossen werden, bietet der neue Partner große Vorteile: Hier können die Datensätze nun bundesweit verglichen, nach Themen und Orten besser durchsucht und auch für ein internationales Publikum leichter zugänglich gemacht werden.

gut 5.000 Datensätze des Dalman-Instituts in der DDB


Prof. Yossi Ben-Artzi (Uni Haifa) bei seinen Recherchen im Dalman-Institut (Foto: K. Berkemannn)
Prof. Yossi Ben-Artzi (Uni Haifa) bei seinen Recherchen im Dalman-Institut (Foto: K. Berkemannn)

Besuch von der Uni Haifa

"Dass Sie da so einen Schatz haben, in so einem Eckland von Deutschland, das müssen Sie den Leuten sagen!" Prof. Yossi Ben-Artzi (Universität Haifa) hat sich in diesem Juli 2017 von Israel auf den Weg gemacht, um in Berlin in den Archiven zu stöbern. Besonders interessiert sich der Geograph für die Wissenschaftsgeschichte, für den Austausch zwischen den frühen Palästinaforschern. So hat er auch einen Abstecher zur Dalman-Sammlung eingeplant. Hier liest er sich durch Auszüge der Korrespondenz des Theologen Gustaf Dalman (1855-1941), der schon ab dem späten 19. Jahrhundert bestens vernetzt war mit Sprachkundlern, Volkskundlern, Geographen, Biologen und anderen Experten. Bis in die 1930er Jahre diskutierte er mit den Kollegen per Brief viele Details zur Kulturlandschaft zwischen dem See Genezareth und dem Toten Meer. Man tauschte Informationen aus und hielt sich über neue Publikationen auf dem Laufenden. Ben-Artzi jedenfalls ist sich sicher: Er will mehr über diese intensive Zeit der Palästinaforschung erfahren. Er kommt wieder nach Greifswald.


Kaffeekanne aus Nazaret dem 19./20. Jahrhundert (Foto: R. Wehning, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)
Kaffeekanne aus Nazaret dem 19./20. Jahrhundert (Foto: R. Wehning, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)
Ephraim Kishon erhält 1978 in Aachen den "Orden wider den tierischen Ernst" (Foto: Ladislaus Hoffner, CC BY SA 4.0)
Ephraim Kishon erhält 1978 in Aachen den "Orden wider den tierischen Ernst" (Foto: Ladislaus Hoffner, CC BY SA 4.0)

Mit Dalman durch den September

Auch in der vorlesungsfreien Zeit bleibt das Dalman-Institut nicht geschlossen. An zwei September-Wochenenden gibt es gleich mehrere Gelegenheiten, einen Blick in die Kulturwelten des Orients zu werfen: 

  • Am 10. September 2017 öffnen wir zum "Tag des offenen Denkmals" die Sammlung um 11.00 Uhr für eine offene Spezialführung zum Thema "Auf einen Kaffee im Beduinenzelt": Für die Beduinen galt das Zubereiten eines Kaffees als Meisterstück der Gastfreundschaft: Die Bohnen wurden vor den Augen des Besuchs mehrfach geröstet, im Mörser sorgsam zerkleinert und bedeutungsvoll aufgegossen. Das Gustaf-Dalman-Institut verwahrt die Utensilien der Kaffeezubereitung und zeigt Bilder der orientalischen Gastfreundschaft um 1900.
  • Zur 15. Greifswalder Kulturnacht öffen die verschiedensten Institutionen am 15. September 2017 ihre Türen, darunter auch die Dalman-Sammlung. Unter dem Titel "'Schade, daß ich das verpasse" - Satirische Texte von Ephraim bis Kishon" können sich Interessierte um 20.00 Uhr auf eine Lesung freuen: Zu seinem 80. Geburtstag bedauerte der Satiriker Ephraim Kishon nur eines: „daß ich meiner Beerdigung nicht lauschen kann. Man wird so schöne Sachen über mich sagen. Schade, daß ich das verpasse." Dr. Karin Berkemann und Daniel Bartetzko lesen Texte aus seinem Leben zwischen Budapest und Tel Aviv.
  • Am 16. September 2017 hält der 3. Ökumenische Kirchentag Vorpommern ein reiches Programm in der Greifswalder Altstadt bereit - darunter zwei Führungen durch die Dalman-Sammlung zum Thema: 11.00 Uhr und 13.30 Uhr: "Drei Weltreligionen in der Kulturlandschaft Palästina".

Für alle Termine gilt: Jede Veranstaltung dauert rund eine halbe Stunde. Es wird kein Eintritt erhoben, Ort ist jeweils die Theologische Fakultät der Universität Greifswald, Am Rubenowplatz 2-3.


Prof. Israel Finkelstein referiert über die Ausgrabungen von Megiddo
Prof. Israel Finkelstein referiert über die Ausgrabungen von Megiddo
Die 7. Dalman Lecture, moderiert von Prof. Stefan Beyerle im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald
Die 7. Dalman Lecture, moderiert von Prof. Stefan Beyerle im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald
Ausgrabungen in Megiddo im Jahr 1905 (Foto: V. Schwöbel, Bild: G.-Dalman-Institut Greifswald)
Ausgrabungen in Megiddo im Jahr 1905 (Foto: V. Schwöbel, Bild: G.-Dalman-Institut Greifswald)

Prof. Israel Finkelstein besucht Greifswald

"Das Nordreich ist der Schlüssel zum Verständnis des Alten Israel", so fasste Prof. Israel Finkelstein den Anspruch und zugleich die Bedeutung seines Vortrags zusammen. Mit Finkelstein konnte in diesem Jahr erneut ein ausgewiesener Experte der Jüdischen Geschichte für die Dalman Lecture gewonnen werden, die am 21. Juni 2017 zum siebten Mal im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg zu Gast war.

Israel Finkelstein lehrt als Professor für Archäologie an der Tel Aviv University, ist Mitglied der Israel Academy of Sciences and Humanities und Träger zahlreicher Auszeichnungen, darunter der renommierte Dan David Prize. In seinem Greifswalder Vortrag gab er, moderiert von Prof. Stefan Beyerle (Lehrstuhl Altes Testament), einen tiefen Einblick in seine Forschungen zu Megiddo: Er schlug einen weiten Bogen vom Aufstieg des Nordreichs über die Herrschaft der Omriden bis hin zur Zeit von Jerobeam II. Hierfür stellte er die neuesten Ergebnisse der Archäologie neben das Zeugnis der biblischen Texte.

Der Vortrag fand mit mehr als 40 Zuhörern überregionalen Zuspruch. In der folgenden lebhaften Diskussion wurde u. a. das Mit- und teils auch Gegeneinander von Exegese und Archäologie ausgelotet. Finkelstein räumte ein, die beiden Disziplinen zu Beginn seines wissenschaftlichen Arbeitens selbst streng getrennt zu haben. Dies führe in der Konsequenz jedoch zu einer Form von "Sterilisierung". Eine solche Bezugnahme müsse behutsam und fachkundig, aber zugleich in aller Offenheit erfolgen, um wirklich mehr über die Geschichte des Alten Israel erfahren zu können - diesen Weg beschreite gerade eine neue Generation von Forschern.

Sehr beeindruckt zeigte sich Finkelstein auch von der Greifswalder Dalman-Sammlung, die er gemeinsam mit deren Direktoren, Prof. Beyerle und Prof. Christfried Böttrich (Lehrstuhl Neues Testament), sowie Prof. Daniel Stein Kokin (Lehrstuhl Jüdische Literatur und Kultur) bereits am Vormittag besichtigt hatte. Vor allem die dortigen historischen Fotografien der Kulturlandschaft Palästina begeisterten ihn. Vermutete er doch, würde er nur ein wenig durch die Greifswalder Bestände blättern, könne er vielleicht sogar eine alte Aufnahme des Hauses seiner Familie finden, die bereits seit Jahrzehnten in Palästina bzw. Israel zu Hause ist.

Informationen zum Alfried Krupp Wissenschaftskolleg

Informationen zu den sechs vorangegangenen Dalman Lectures


"Fliegerbild" Palästinas aus der Zeit des Ersten Weltkriegs (Bild: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)
"Fliegerbild" Palästinas aus der Zeit des Ersten Weltkriegs (Bild: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)
Handschriftliche Kartierung Gustaf Dalmans auf Basis eines "Fliegerbilds" (Bild: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)
Handschriftliche Kartierung Gustaf Dalmans auf Basis eines "Fliegerbilds" (Bild: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)

Aus dem Flugzeug in den Computer

In den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs fertigte eine bayerische Fliegerstaffel aus strategischem Interesse systematisch Luftbilder der Region Palästina. Unter dem sprechenden Titel "Fliegerbilder" veröffentlichte Gustaf Dalman diese seltenen topographischen Zeugnisse 1925 - dieses Mal aus wissenschaftlichen Interesse - und ergänzte die Aufnahmen um selbst angefertigte Kartierungen. Sowohl Abzüge der Fliegerbilder als auch die handgezeichneten Kartenentwürfe Dalmans haben sich in den Beständen des Dalman-Instituts erhalten. Hier wurde im Herbst 2016 damit begonnen, die "Fliegerbilder" und ihre handschriftlichen Kartierungen/Beschriftungen online zugänglich zu machen.  

Vor diesem Hintergrund begaben sich Theologie-Studierende im Wintersemester 2016/17 auf Exkursion zum Geographischen Institut der Universität Greifswald und zur historischen Kartensammlung der Alten Universitätsbibliothek Greifswald. Vor Ort ließ sich die Gruppe in die Geschichte und Eigenarten der Kartenkunde einführen und über die Möglichkeiten ihrer Digitalisierung informieren. Die erste Hälfte der rund 1.500 im Dalman-Institut verwahrten Fotografien und Karten können inzwischen bereits online über die zentrale Sammlungsdatenbank der Universität Greifswald recherchiert werden ...

die Fliegerbilder in der zentralen Sammlungsdatenbank der Universität Greifswald


Auf Exkursion: Studierende werden in die Lübecker Kunst- und Kulturkirche St. Petri eingeführt (Foto: K. Berkemann)
Auf Exkursion: Studierende werden in die Lübecker Kunst- und Kulturkirche St. Petri eingeführt (Foto: K. Berkemann)

Lehrgangebote im SS 2017

Schon Gustaf Dalman verstand seine Greifswalder Sammlung als lebendige Lehr-Sammlung. Bis heute nutzen verschiedene theologische Seminare, vor allem der Bibelwissenschaften, dieses Angebot gerne und regelmäßig. Seit einigen Jahren bildet das Institut zudem mit und an der Theologischen Fakultät einen Schwerpunkt für Jüdische Studien aus. Inzwischen können durch den Lehrstuhl Jüdische Literatur und Kultur regelmäßig Vorlesungen und Seminare angeboten werden. Darüber hinaus können seit 2014 nun auch durch das Institut eigene Lehrveranstaltungen in und mit der Sammlung angeboten werden. Aus dem breitefächerten Angebot der Fakultät lassen sich für das Sommersemester 2017 z. B. herausgreifen:

  • Mittwoch 16-18 Uhr (Seminar), Dr. Karin Berkemann: Geschichte des Judentums in Norddeutschland
  • Donnerstag 8-10 Uhr (Vorlesung), Prof. Dr. Christfried Böttrich, Jesus von Nazaret
  • 6. Juni - 10. Juni 2017 (Blockseminar), Prof. Dr. Stefan Beyerle/Dr. Martin Langanke/Prof. Dr. Albrecht Scriba, Weisheit in Philosophie, Judentum und Christentum

Begleitend erscheint ein reich bebilderter Katalog im Michael Imhof Verlag
Begleitend erscheint ein reich bebilderter Katalog im Michael Imhof Verlag
Eine der Greifswalder Aufnahmen, die für Göttingen ausgewählt wurden: "Bei Faris in Balat", frühes 20. Jahrhundert (Bild: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)
Eine der Greifswalder Aufnahmen, die für Göttingen ausgewählt wurden: "Bei Faris in Balat", frühes 20. Jahrhundert (Bild: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)
Das Greifswalder Digitalisierungsprojekt am Gustaf-Dalman-Institut konnte der Universität Göttingen hochaufgelöste Vorlagen bereitstellen (Foto: O. Boehm)
Das Greifswalder Digitalisierungsprojekt am Gustaf-Dalman-Institut konnte der Universität Göttingen hochaufgelöste Vorlagen bereitstellen (Foto: O. Boehm)

Das (un)schuldige Auge

Greifswald reist nach Göttingen: Eine kleine, aber feine Auswahl der historischen Palästinafotografien des Gustaf-Dalman-Instituts werden in diesem Frühjahr und Sommer in der Kunstsammlung der Universität Göttingen zu sehen sein. Sie sind Teil der dortigen Ausstellung "Das unschuldige Auge. Orientbilder in der frühen Fotografie (1839-1911)", die sich mit großen Fragen auseinandersetzt: Wie hat das Aufkommen der Fotografie seit 1839 den Blick auf einen Kulturraum verändert, der derart hochgradig mit Wertvorstellungen belegt ist? Welchen kulturellen, touristischen und kommerziellen Mechanismen folgte diese Entwicklung? Beleuchtet werden zudem die damaligen Erwartungen an das neue Medium, sein Beitrag zum modernen Weltwissen und nicht zuletzt seine Rolle in Politik, Wissenschaft, Archäologie und Ethnografie. Der zeitliche Bogen des Ausstellungsprojekts erstreckt sich von Napoleons Ägyptenexpedition bis kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Den Abschluss der Präsentation bilden die jüdische Fotografie und der 1911 gedrehte "First Film of Palestine".

Unter Leitung von Prof. Dr. Manfred Luchterhandt (Geschäftsführender Direktor des Kunstgeschichtlichen Seminars und der Kunstsammlung der Universität Göttingen), unter Mitarbeit von Lisa-Marie Roemer und Verena Suchy, werden in Göttingen ab dem 23. April 2017 vorgestellt: Arbeiten einzelner Fotografen, Werke kommerzieller Studios, Ergebnisse fotografischer Expeditionen, Präsentationen im Rahmen von Weltausstellungen, das Verhältnis von Fotografie und Malerei, die Selbstdarstellung osmanischer Eliten, das Bild von Gesellschaft und Religion, die Fotografie in den Orientwissenschaften, aber auch die Nachlässe bedeutender Orientforscher - darunter ausgewählte Stücke des Palästinakundlers Gustaf Dalman (1855-1941).

Dalmans Sammlung, die mit ihm nach dem Ersten Weltkrieg nach Greifswald kam, dokumentiert hier bis heute auf europaweit einmalige Weise die Kulturlandschaft Palästina vor dem Ersten Weltkrieg. Seit einigen Jahren läuft die digitale Aufarbeitung des Bestands vor allem der rund 20.000 historischen Fotografien, von denen inzwischen bereits über 6.300 Artefakte in der zentralen Sammlungsdatenbank der Universität Greifswald online eingesehen werden können. Erst auf dieser Grundlage war es dem Gustaf-Dalman-Institut möglich, für die Göttinger Ausstellung hochaufgelöste Digitalisate ihrer historischen Glasplattendias zur Verfügung zu stellen. So können die ebenso empfindlichen wie kleinformatigen Greifswalder Originale hier nun in hochwertigen Reproduktionen in all ihren aufschlussreichen Details für die Besucher dargestellt werden.

Die Ausstellung "Das unschuldige Auge. Orientbilder in der frühen Fotografie (1839-1911)" ist vom 23. April bis zum 17. September 2017 in Göttingen (Kunstsammlung der Universität Göttingen. Gemäldegalerie im Auditorium) zu sehen. Begleitend erscheint im Michael Imhof Verlag ein reich bebilderter Katalog.


Syrische Frauen beim Backen (Bild: Maison Bonfils/Photoglob, um 1900, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut)
Syrische Frauen beim Backen (Bild: Maison Bonfils/Photoglob, um 1900, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut)

Zimt und Mandelkern - Backen wie im Orient

Vieles, was für uns heute unverzichtbar zu Weihnachten gehört, gab den Backwaren und Süßspeisen des Orients schon vor Jahrhunderten die besondere Note. Einige Zutaten wurden im Jordantal selbst gewonnen, andere mussten mit Karawanen durch die Wüste geholt werden. Zur Lesung von Karin Berkemann, Kustodin der Gustaf-Dalman-Sammlung, gibt es eine kleine Verkostung mit Heißgetränk.

Es wird kein Eintritt erhoben, um eine Spende wird gebeten.
16. Dezember, 18.00 -19.00 Uhr, Theologische Fakultät (Am Rubenowplatz 2-3)

Unser Veranstaltungshinweis auf Facebook.


Rabbiner William Wolff (Foto: Manuela Koska)
Rabbiner William Wolff (Foto: Manuela Koska)
"Abraham war Optimist", erschienen im Hentrich und Hentrich Verlag
"Abraham war Optimist", erschienen im Hentrich und Hentrich Verlag

Foto-Ausstellung "Abraham war Optimist"

"Alles, was ich tue, muss mir Spaß machen. Ohne Ausnahme. Vielleicht eine: die Beerdigungen." Auch diese traurigen Pflichten gehören zum Beruf von William Wolff, der als Rabbiner die jüdischen Gemeinden von Rostock und Schwerin begleitet. Dennoch, oder gerade deswegen, machte der 89-Jährige dem Motto der ihm gewidmeten Ausstellung "Abraham war Optimist" alle Ehre. Gleich mehrfach sogar: überdimensional in den großformatigen Schwarzweiß-Fotografien, mit denen ihn die Manuela Koska eingefangen hat, und eins zu eins auf dem Podium der eröffnenden Festveranstaltung. Den Auftakt hatte, nach Grußworten des Krupp-Kollegs und der fördernden Friedrich-Ebert-Stiftung, Prof. Roland Rosenstock gemacht. Der Religions- und Medienpädagoge führte unter dem Titel "Antlitz und Transzendenz" durch die Motive und Gedankenwelt der präsentierten Fotografien. 

Auf dem anschließenden Podium stellten sich Koska und Wolff, moderiert durch Christin Klaus vom Krupp-Kolleg, den Fragen der rund 200 Vernissagegäste. Wie die Fotografin zu diesem außergewöhnlichen Projekt gekommen sei, Wolff und seine Gemeinde ein ganzes Jahr mit der Kamera zu begleiten? (Sie sah ihn beim Fotografieren auf dem Markt, wurde neugierig und blieb dran.) Wie Wolff, damals noch Journalist für den Daily Mirror, zum ersten Mal nach dem Krieg wieder nach Deutschland gekommen sei? (Er begleitete den englischen Außenminister nach Moskau und irgendwie auch nach Bonn zu Willy Brandt, blieb aber dann doch lieber in der englischen Botschaft.) Und wie er, inzwischen als Rabbiner in Vorpommern zu Hause, die Zukunft seiner 500-Seelen-Gemeinde einschätze? (Für Schwerin, da ohne Hochschule, düster, für Rostock schon optimistischer ...)

Was blieb, war der tiefe Eindruck einer Freundschaft, die zwischen Fotografin und Porträtiertem entstanden war. Die Freude beider an einer höchst lebendigen jüdischen Kultur in Vorpommern. Und die Aussicht auf die Ausstellung, die noch bis zum 23. Februar 2017 im Foyer des Krupp-Kollegs (Martin-Luther-Straße 14) zu sehen ist, und die Begleitveranstaltungen: am 23. Februar 2017 von 18:00 bis 19:30 Uhr eine öffentliche Führung, am 1. Februar 2017 von 18:00 bis 19:30 Uhr der Vortrag "From Shtetl to Ghetto, Or: How the German and German Jewish Press (Mis-)Recognized Yiddish Culture".

Das Foto- und Textprojekt von Manuela Koska ist auch als gleichnamiges Buch "Abraham ist Optimist" erschienen bei Hentrich und Hentrich.


Der Schülerpraktikant David Ruwe am Gustaf-Dalman-Institut (Foto: privat)
Der Schülerpraktikant David Ruwe am Gustaf-Dalman-Institut (Foto: privat)

Schülerpraktikant erstellt virtuelle Karte

Im September 2016 absolvierte David Ru­we, ein 16-jähriger Schüler der elften Klasse des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums, ein einwöchiges Praktikum im Gustaf-Dalman-Institut. Als Hauptschwerpunkt erstellte er eine virtuelle Jerusalem-Karte, die man auf der Website der Theologischen Fakultät Greifswald aufrufen kann. Diese Karte, die auf Basis von Google Maps umgesetzt wurde, zeigt Jerusalem zur Zeit Gustaf Dalmans.

Auf dieser Karte kann man anhand von markierten Orten in Jerusalem eine kurze Information lesen und Bilder aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg aufrufen. Die historischen Fotografien stammen aus der Dalman-Sammlung, die bereits auf der zentralen Sammlungsseite der Universität Greifswald online recherchierbar sind. Durch die neue virtuelle Karte ist es jetzt erstmals möglich, die Lebensmittelpunkte und Forschungsziele Dalmans virtuell auch räumlich nachzuvollziehen. Die in der Karte enthaltenen Informationen sind – u. a. mit der Übersetzung einzelner Elemente ins Englische – nun auch für internationale Forscher intuitiver und damit leichter zugänglich.


Die Greifswalder Lehrsynagoge

Zwischen 1706 und 1708 richtete der Greifswalder Theologieprofessor und Generalsuperintendent von Schwedisch-Pommern, Johann Friedrich Mayer (1650-1712), in seinem Haus eine “Lehr-Synagoge” ein. Diese Installation, die von dem Judaeus conversus Christoph Wallich ausgeführt wurde, war zugleich Teil einer umfangreichen Bibliothek. Nach Mayers Tod 1712 gelangte diese »Synagoge« auf zunächst abenteuerlichen Wegen über Leipzig nach Dresden, wo sie bis 1836 im Wallpavillon des Dresdner Zwingers als Teil eines »Juden-Cabinets« zu sehen war. Danach verlieren sich ihre Spuren. Eine Schrift Wallichs über diese »Lehrsynagoge«, die in drei Auflagen erschien und die eine detaillierte Beschreibung enthält, ist heute das einzige erhaltene Relikt. Der vorliegende Band trägt alle Nachrichten und Spuren dieser »Mayerschen Synagoge« aufgrund neuer Quellenstudien zusammen und versucht, das Projekt in sein theologie- und kulturgeschichtliches Umfeld einzuordnen.

Christfried Böttrich/Thomas K. Kuhn/Daniel Stein Kokin (Hg.): Die Greifswalder Lehrsynagoge Johann Friedrich Mayers. Ein Beispiel christlicher Rezeption des Judentums im 18. Jahrhundert (Greifswalder Theologische Forschungen 26), Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016.


Mit deutsch- und englischsprachigen Beiträgen von Dirk Alvermann, Christfried Böttrich, Yaacov Deutsch, Naomi Feuchtwanger-Sarig, Volker Gummelt, Jens Hoppe, Michael Korey, Thomas K. Kuhn, Ruth Langer, Mario Schmelter, Daniel Stein Kokin und Thomas Willi.


Frühlingsblumen aus Jerusalem (Foto: Uvachrom-Verlag München, Farbdruckpostkarte, wohl 1930er Jahre, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut)
Frühlingsblumen aus Jerusalem (Foto: Uvachrom-Verlag München, Farbdruckpostkarte, wohl 1930er Jahre, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut)

Schülerpraktikant erschließt historische Postkarten

Ansgar Maske, Schülerpraktikant am Gustaf-Dalman-Institut (Foto: K. Berkemann)
Ansgar Maske, Schülerpraktikant am Gustaf-Dalman-Institut (Foto: K. Berkemann)

Inzwischen ist es fast schon eine kleine Tradition, dass für zwei Sommerwochen ein Schülerpraktikant bzw. eine Schülerpraktikantin im Gustaf-Dalman-Institut zu Gast ist. Im Sommer 2016 hat sich Ansgar Maske, Schüler am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium, für die Arbeit in und mit unserer palästinakundlichen Sammlung entschieden. Seine Begeisterung für das Arbeiten am Computer kam ihm sehr zugute, als er die Digitalisierung historischer Postkarten und Diapositive in Angriff nahm.

Unter den von Ansgar Maske bearbeiteten Sammlungsstücken fanden sich z. B. zwei Schuber mit Farbdruckpostkarten, die vom Uvachrom-Verlag in den 1930er Jahren in München herausgegeben wurden. Doch einige der hier versammelten farbenfrohen Lichtbilder, die Motive aus Israel und Syrien zeigen, sind schon sehr viel älter, in Einzelfällen stammen sie aus den 1880er Jahren. Dank Ansgar Maske ist unser Online-Angebot nun um 140 Datensätze reicher - und zeigt damit aktuell fast 5.700 Stücke der Dalman-Sammlung.


"Eine Reise durch die Wüste [...] würde hiermit eine Kleinigkeit werden": der nie verwirklichte Entwurf für ein "Wüstenschiff" aus dem Jahr 1932 (Bild: Bundesarchiv Bild 102-13577, CC BY SA 3.0)

Wüstenschiff und Palästina-Platte

"Das Wüstenschiff, das Projekt eines deutschen Ingenieurs kann 300 Passagiere mit höchstem Comfort durch die entlegensten Wüsten und Landstriche bringen." Dieses nie umgesetzte Projekt von 1932 steht stellvertretend für die zahllosen Fortbewegungsarten durch die Wüsten des Orients: von der Kamel-Karawane bis zum VW-Bulli. Dr. Karin Berkemann, Kustodin der Gustaf-Dalman-Sammlung, und Daniel Bartetzko, Redakteur bei "Oldtimer Praxis", lesen am 16. September um 20 Uhr zur Kulturnacht in der Theologischen Fakultät (Rubenowplatz 2-3) aus höchst vergnüglichen Texten der letzten 100 Jahre.

Zum Tag des offenen Denkmals, am 11. September 2016, dreht sich die Sonderführung um das Thema "Palästina in der Platte": Erfahren Sie, wie die Dalman-Sammlung in einen Plattenbau einzog – und erleben Sie im anschließenden Stadtrundgang, wie der Plattentyp "WBS 70 AR" von 1978 bis 1989 die Altstadt veränderte. (Wegen Handwerkerarbeiten können die Innenräume der Sammlung zum Tag des offenen Denkmals nicht besichtigt werden.) Treffpunkt ist um 11 Uhr (Dauer etwa eine Stunde) vor der Theologischen Fakultät (Rubenowplatz 2-3).


Tal Ilan bei der 6. Dalman-Lecture (Foto: D. Grzywacz)

Die 6. Dalman-Lecture

Am 6. Juni 2016 fand im Greifswalder Alfried Krupp Wissenschaftskolleg die 6. Dalman-Lecture statt. In diesem Jahr konnte Prof. Dr. Tal Ilan vom Institut für Judaistik an der FU Berlin gewonnen werden. Sie referierte, moderiert von Prof. Dr. Stefan Beyerle von der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald, über das Thema "Juden in Ägypten vor und nach 117 u. Z. in der Sicht älterer und neuerer Papyri-Funde".

Tal Ilan, aufgewachsen im Kibbuz Lahav in der Nähe von Be'er Scheva, studierte an der Hebräischen Universität Jerusalem und promovierte anschließend zum Thema "Jewish Women in Palestine during the Hellenistic-Roman Period (332 BCE–200 CE)". Nach Gastprofessuren in England und in den USA lehrt sie nun seit 2003 an der FU Universität Berlin am Institut für Judaistik.


Prof. Dr. Julia Männchen (Foto: B. Sander)

Der silberne Greif für Prof. Julia Männchen

Frau apl. Prof. Dr. Julia Männchen erhielt im Rahmen des diesjährigen Stadtempfangs am 19. Mai 2016 den "Silbernen Greif" für Ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement in Greifswald. Sie engagierte sich seit vielen Jahren als Vorsitzende im Greifswalder Arbeitskreis "Kirche und Judentum", der im Jahreszyklus vor allem durch kulturelle Veranstaltungen das jüdische Erbe erinnert und lebendig hält. Darüber hinaus hat sich Frau Prof. Männchen, die seit 1968 an der Greifswalder Theologischen Fakultät tätig ist, auch in besonderer Weise um die Organisation und Durchführung des „Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus“ verdient gemacht. Seit 1998 arbeitete Frau Männchen federführend in der Vorbereitungsgruppe und hat darüber hinaus auch als Beiträgerin zur weit über Greifswald hinaus vernehmbaren Bedeutung dieses Gedenktages beigetragen.

Ihr akademisches Lebenswerk widmete Frau Prof. Dr. Julia Männchen dem ehemaligen Greifswalder Theologen und Orientalisten Gustaf Dalman. Seit ihrer Emeritierung im Jahre 2004 bis 2014 war Frau Männchen als ehrenamtliche Kustodin für das Gustaf-Dalman-Institut der Theologischen Fakultät tätig. Das Institut beherbergt Realia und eine Bibliothek des 1941 verstorbenen Begründers der deutschen Palästinakunde, die längst von internationaler Bedeutung sind, da sie sowohl zur Landeskunde Israels als auch zur Erforschung des Judentums hervorragende Beiträge liefern. Frau Männchen ist es wesentlich zu verdanken, dass diese für Geschichte und Kultur des Judentums so unschätzbar wertvollen Hinterlassenschaften gepflegt und damit der – nicht nur – akademischen Öffentlichkeit erhalten und bewusst bleiben.


Jüdische Siedlung im frühen 20. Jahrhundert (Foto: Kunstverlag B. Hentschel, Copyright: Gustaf-Dalman-Institut Greifswald)

Aramäisch und der Aufbau Israels

Schon Gustaf Dalman verstand seine Sammlung als lebendige Lehr-Sammlung. Bis heute nutzen verschiedene theologische Seminare dieses Angebot gerne und regelmäßig. Inzwischen können durch den Lehrstuhl Jüdische Literatur und Kultur regelmäßig Vorlesungen und Seminare angeboten werden. Darüber hinaus können seit 2014 nun auch durch das Institut eigene Lehrveranstaltungen in und mit der Sammlung angeboten werden - so auch in diesem Semester:

  • Montag 16-18 Uhr (Seminar), Prof. Dr. Stephan Beyerle: Monotheismus in Altisrael und im antiken Judentum
  • Dienstag 12-14 Uhr (Übung), Dr. Andreas Ruwe: Einführung ins Biblisch-Aramäische
  • Dienstag 14-16 Uhr (Seminar), Prof. Dr. Christfried Böttrich, Prof. Dr. Michael Altripp: Christliche Bildtraditionen zum Neuen Testament
  • 6. April 2016, 13.00 Uhr c. t. (Blockübung) (konstituierende Sitzung, Theologische Fakultät, Am Rubenowplatz 2-3, Besprechungsraum), 29. April bis 1. Mai sowie 10. bis 12. Juni 2016 (jeweils: Fr. 14.00 bis 18.00 Uhr, Sa. 10.00 bis 18.00 Uhr, So. 13.00 bis 18.00 Uhr), Dr. Karin Berkemann, Gustaf-Dalman-Institut: "Wir bauen Israel". Wie der lange Weg zur Staatsgründung zum Experimentierfeld der Moderne wurde

Prof. Dr. Ronny Reich (Jerusalem, rechts im Bild) und Prof. Dr.-Ing. Alexander von Kienlin (Braunschweig, links im Bild), hier mit Prof. Dr. Stefan Beyerle, tragen sich ins Gästebuch des Instituts ein

Jerusalem zu Gast im Gustaf-Dalman-Institut

Am 5. Dezember 2015 hatte das Gustaf-Dalman-Institut hohen Besuch: Eine Delegation des "Netzwerks Jüdische Sachkultur", das vom 3. bis 5. Dezember im Greifswalder Alfried-Krupp-Kolleg tagte, ließ es sich nicht entgehen, auch einen Blick auf ausgewählte Stücke der Gustaf-Dalman-Sammlung zu werfen. Unter den Gästen fanden sich der Jerusalemer Archäologe Prof. Dr. Ronny Reich sowie der Braunschweiger Bauhistoriker Professor Dr. Alexander von Kienlin.

Reich arbeitete in der israelischen Antiken-Behörde (Israel Antiquities Authority) u. a. als Leiter des wissenschaftlichen Archivs und des Gebiets Archäologie. 1995 wurde er als Professor für Klassische Archäologie an die Universität Haifa berufen. Kienlin, Architekt und Professor an der TU Braunschweig, leitet die dortige Einrichtung Bet Tfila, die sich der jüdischen Architektur in Europa widmet. Mit Reich trug sich Professor Dr. Alexander von Kienlin ins Gästebuch des Gustaf-Dalman-Instituts ein. Beide zeigten sich beeindruckt von der Fülle und Güte des von Gustaf Dalman in Greifswald zusammengetragenen Materials und bekräftigten den Wunsch einer weiteren Zusammenarbeit.

Im Rahmen der Fachtagung "Jüdische Sachkultur" stellten Vertreter internationaler Institutionen und Forschungsstellen ihre Arbeit vor und kamen über Vernetzungsmöglichkeiten ins Gespräch. In einem gut besuchten öffentlichen Abendvortrag berichtete Prof. Reich, moderiert von Prof. Kienlin, zudem über seine Grabungen in der Jerusalemer Davidstadt. Weitere Tagungen des Netzwerks sollen in (Halb-)Jahresfrist folgen.

Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg, Greifswald
www.wiko-greifswald.de

Bet Tfila, Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa
www.bet-tfila.org

Israel Antiquities Authority

www.antiquities.org.il


Studierende werden in das Konzept der Lübecker Kunst- und Kulturkirche St. Petri eingeführt (Foto: K. Berkemann)

Auf nach Lübeck

Über diese Umgestaltung wurde viel diskutiert: Als man 1989 den Greifswalder Dom nach langen Renovierungsarbeiten wieder einweihte, kamen nicht nur die Vertreter aus Kirche und Kommune, nicht nur der Architekt Friedhelm Grundmann und der Bildhauer Hans Kock, sondern auch der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker. Damit rückte eine baukünstlerische Frage ins Licht der Kirchen- und Zeitgeschichte - oder war es umgekehrt? Grund genug, gut 25 Jahre später einen Blick auf die näheren Umstände der Greifswalder Domrenovierung zu werfen. An der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald widmete sich dem Thema "Der Greifswalder Dom und die Wende" nun eine Blockübung, die Studierende der Theologie und der Kunstgeschichte zusammenführt.

Unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Kuhn vom Lehrstuhl für Kirchengeschichte und Dr. Karin Berkemann, Kustodin der Gustaf-Dalman-Sammlung, erarbeiteten sich die Teilnehmenden nicht allein anhand von Quellenmaterial die zeitgeschichtlichen Hintergründe. Auf einer Exkursion nach Lübeck konnten die Studierenden zudem Vergleichsbeispiele erkunden und mit ihren heutigen Nutzern ins Gespräch kommen: der gemeindlich genutzte Nachkriegsneubau der Kreuzkirche (1971, F. Grundmann) im Stadtteil St. Jürgen, der wiederaufgebaute und quergerichtete Dom (Renovierung: F. Grundmann, 1977) und die als offener Kunst- und Kulturraum wiederhergestellte St. Petri-Kirche (Umgestaltung: Kirchliches Bauamt, 1987).


Eines von 3.195 historischen Glasplattendias im Bestand des Gustaf-Dalman-Instituts (Bild: O. Böhm)

Wir haben Zuwachs bekommen

In diesem Fall ist "mehr" wirklich "mehr": Jetzt sind über 5.500 Sammlungsstücke der Gustaf-Dalman-Sammlung über die zentrale Datenbank der Universität Greifwald online recherchierbar. Damit konnte - in Zusammenarbeit mit der Kustodie und dem Rechenzentrum der Greifswalder Universität sowie dem genossenschaftlichen Verbund digicult - auch ein Großteil der Glasplattendias der Gustaf-Dalman-Sammlung in den Online-Bestand eingebracht werden.

Bislang waren diese historischen Dias, die Motive aus Palästina vor dem Ersten Weltkrieg zeigen, lediglich über ein eigenes Portal zugänglich. Nun können alle online gestellten Artefakte der Dalman-Sammlung gemeinsam recherchiert und auch mit Datensätzen weiterer Greifswalder Sammlungen verglichen werden. Ein erster Etappensieg: Noch warten rund 14.500 historische Fotografien in der Dalman-Sammlung auf ihre Digitalisierung.

Zentrale Datenbank der Wissenschaftlichen Sammlungen der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

www.wissenschaftliche-sammlungen.uni-greifswald.de

NEU: jetzt mit rund 5.000 Datensätzen aus dem Gustaf-Dalman-Institut


Ein weinendes und ein lachendes Auge: Prof. Dr. S. Beyerle (links) verabschiedet Prof. Dr. D. Stein Kokin für ein Fellowship (Bild: C. Witt)

Auszeichnung für Prof. Stein Kokin

Prof. Daniel Stein Kokin, Juniorprofessor für Jüdische Literatur und Kultur an der Theologischen Fakultät in Greifswald, wurde eine weitere Ehrung zuteil. Schon 2013/14 hatte ihn die Harvard University mit einem Jahresstipendium für ihr Studienzentrum zur Renaissance-Forschung, die Villa I Tatti in Florenz, ausgezeichnet. Nun wählte ihn das renommierte Käte Hamburger Kolleg in Bochum für das einjährige Fellowship aus. Hier wird er bis September 2016 u. a. zur Bild- und Symbolsprache des Labyrinths in der jüdischen und christlichen Tradition forschen.


"Als würden Sie den Kochtopf Ihrer Großmutter aufbewahren"

Im Rahmen ihres Schülerpraktikums am Gustaf-Dalman-Institut interviewte Lisa Lubs (16 Jahre) Prof. em. Dr. Julia Männchen, die zwei Grundlagenwerke über den Palästinakundler Gustaf Dalman (1855-1941) veröffentlicht hat.

Prof. em. Dr. Julia Männchen, Ehrenkustodin der Dalman-Sammlung (Foto: Bernd Sander)
Die Dalman-Sammlung noch im alten Hauptgebäude, vor dem Umzug der Theologischen Fakultät im Jahr 2000/01

Frau Prof. Männchen, wie sind Sie zur Dalman-Sammlung gekommen?
Seit 1968 arbeite ich an der Theologischen Fakultät in Greifswald. Als wir noch im alten Hauptgebäude am Rubenowplatz untergebracht waren, gab es unterm Dach mehrere Sammlungsschränke von Gustaf Dalman. Niemand wusste so recht, etwas damit anzufangen. Ende der 1970er Jahre begannen wir, die Sammlung umzuräumen – und ich fing an, mich mit Dalman zu befassen.

Dalman leitete vor dem Ersten Weltkrieg das Deutsche Palästina-Institut in Jerusalem. Damals legte er den Grundstein für seine Sammlung. Was fasziniert Sie daran?
Das Besondere an der Sammlung ist, dass sie nichts Besonderes ist - als würden Sie den Kochtopf Ihrer Großmutter aufbewahren. Nach dem Krieg wollten alle etwas Neues, z. B. eine elektrische Kaffeemühle. Heute sucht man wieder die alten Stücke. Genauso war es mit Dalman. Er sammelte Dinge aus dem Alltag der Hirten und Bauern. Heute sind genau diese Stücke für uns etwas Besonderes, weil es sie teils nur noch in Greifswald in unserer Sammlung gibt.

Was macht das Besondere an Gustaf Dalman aus?
Seine breitgefächerten Interessen: Eigentlich bräuchte man für sein Forschungsgebiet einen Botaniker, einen Zoologen, einen Volkskundler, einen Bäcker, einen Weber, einen Wetterkundler … Dalman vereinte in seiner Person ein beeindruckendes Wissen. Heute spezialisiert man sich meist auf ein Fachgebiet.

Was verband Dalman mit Greifswald?
Anfangs überhaupt nichts. 1914 hielt er sich in Europa auf und konnte aufgrund des Ersten Weltkriegs nicht zurück nach Jerusalem. Der Theologe Otto Procksch, den er aus Palästina kannte, wollte ihn 1915 als Professor nach Greifswald holen, aber er lehnte zunächst ab. Erst 1917 sagte Dalman zu und kam nach Greifswald.

Wie konnte eine Sammlung, die sich mit jüdischen Themen befasst, die Zeit des Nationalsozialismus überstehen?
Ja, das ist komisch. Die Sammlung wurde damals als "judaistisch" bezeichnet, vielleicht wussten die nicht, was das bedeutet (lacht). Außerdem wurde Greifswald - und damit die Sammlung - im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört.

Was hat sich nach 1989 für die Sammlung verändert?
Viel: Nach 1989 meldete sich das Jerusalemer Institut - das Institut, das Dalman vor dem Ersten Weltkrieg leitete und das dort bis heute arbeitet. So entstand eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen Greifswald und Jerusalem.

Frau Prof. Männchen, was wünschen Sie sich als Ehrenkustodin der Gustaf-Dalman-Sammlung für deren Zukunft?
Dass es eine Person gibt, der sich um die Sammlung kümmert und der Öffentlichkeit präsentiert. Dass die historischen Fotografien weiter erfasst und erschlossen werden. Und vielleicht, dass Dalmans Hauptwerk "Arbeit und Sitte" auch ins Arabische übersetzt werden kann.

Blick ins "Familienalbum" der Dalman-Sammlung: von der alten Aufstellung im Hauptgebäude am Rubenowplatz bis zum Umzug in die heutigen Räume im Jahr 200/01 (unten rechts: Prof. Dr. J. Männchen im Interview zur "Wiedereröffnung" der Sammlung 2001)