Laufende Projekte

Diakonie und Kirche in der Region

Studie zur Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie in der Region und am Campus

Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein und das Diakonische Werk Mecklenburg beteiligen sich zusammen mit der Nordkirche an einer Studie der Universitäten Kiel und Greifswald, die die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie zum einen in einer Region, zum anderen an einem Standort (Campus) untersucht. An der Universität Greifswald ist Prof. Dr. Tobias Braune-Krickau für die Untersuchung zum Thema Region, an der Universität Kiel Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong zum Thema Standorte verantwortlich. Wie unter einem Brennglas lassen sich an den beiden paradigmatischen Konstellationen Dynamiken untersuchen, die das Verhältnis von Kirche und Diakonie auch insgesamt prägen. Es werden wertvolle Einsichten für das Verhältnis von Kirche und Diakonie und ihren Möglichkeiten in der heterogenen Gesellschaft erwartet. Die Studie ist auf 3 Jahre angelegt. Mit der konkreten Durchführung sind in Greifswald Marie Kamlah und in Kiel Arne Hansen betraut. Mit Methoden der qualitativen Sozialforschung werden das Forschungsfeld erkundet sowie ggf. Gruppen- bzw. Einzelinterviews durchgeführt, die die Perspektiven der Akteure erschließen.

Ansprechpersonen
Marie Kamlah, marie.kamlahuni-greifswaldde
Prof. Dr. Tobias Braune-Krickau, tobias.braune-krickauuni-greifswaldde

Kooperationspartner

Lehrstuhl für Praktische Theologie und Religionspädagogik der Universität Kiel (Ansprechperson: Arne Hansen, arne.hansenemail.uni-kielde)
Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland
Diakonisches Werk Schleswig-Holstein
Diakonisches Werk Mecklenburg

Kirche und Zivilgesellschaft in ländlichen Räumen Ostdeutschlands

Der Lehrstuhl für Praktische Theologie ist Teil der interdisziplinären DFG-Forschungsgruppe „Adaptive Infrastrukturen der Daseinsvorsorge in ländlich-peripheren Räumen“ (AdaptInfra). Das am Lehrstuhl angesiedelte Teilprojekt trägt den Titel „Kirche, Diakonie und Zivilgesellschaft in ländlich-peripheren Räumen Ostdeutschlands. Eine empirische Untersuchung infrastruktureller Adaptionsprozesse seit 1989“. Es wird von Prof. Dr. Tobias Braune-Krickau geleitet, von der Theologin und Religionswissenschaftlerin Emma Sandner durchgeführt und ist auf eine Laufzeit von vier Jahren angelegt.

 

Öffentliche Debatten über ländliche Räume werden häufig von gegensätzlichen Bildern bestimmt. Auf der einen Seite steht die Vorstellung eines idyllischen Dorflebens mit intakten Gemeinschaften, gelebten Traditionen und einer Kirche in der Mitte des Ortes. Auf der anderen Seite begegnet das Bild strukturschwacher Regionen, aus denen jüngere Menschen abwandern und in denen öffentliche Verkehrsmittel, medizinische Versorgung, Geschäfte und andere Einrichtungen zunehmend verschwinden. Auch die Kirche erscheint in dieser Erzählung vor allem im Modus des Rückzugs aus der Fläche.

Das Forschungsprojekt möchte hinter solche vereinfachenden Bilder blicken. Es untersucht, wie sich kirchliche, diakonische und zivilgesellschaftliche Strukturen in ländlich-peripheren Regionen Ostdeutschlands seit 1989 tatsächlich verändert haben. Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf Krisen und Verluste, sondern ebenso auf vorhandene Ressourcen, neue Formen des Engagements und kreative Anpassungsprozesse.

Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Rolle Kirche und Diakonie für die Zivilgesellschaft und die Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen spielen. Zivilgesellschaft bezeichnet dabei den gesellschaftlichen Bereich zwischen Staat, Wirtschaft und Privatleben. Zu ihm gehören unter anderem Vereine, Initiativen, Bildungseinrichtungen, soziale Dienste, Kulturangebote und Formen ehrenamtlichen Engagements. Kirchliche und christliche Akteur:innen sind in vielen dieser Bereiche tätig – von Kirchengemeinden und Kirchbauvereinen über Kindertagesstätten und Schulen bis zu Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen oder kulturellen Initiativen.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zusammenspiel von „Netzen“ und „sozialen Orten“ – so eine Begriffsprägung von Claudia Neu und anderen. Netzwerke stellen Verbindungen, Wissen, Personal und finanzielle Ressourcen bereit. Wirksam werden sie jedoch häufig erst an konkreten Orten: etwa in einer Dorfkirche, einem Gemeindehaus, einer kirchlichen Kindertagesstätte, einer diakonischen Einrichtung oder einem gemeinsam betriebenen Dorfladen. Solche Orte können Begegnung ermöglichen, gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern und neue Formen gemeinsamer Verantwortung hervorbringen. Zugleich sind sie selbst von demografischen, wirtschaftlichen und institutionellen Veränderungen betroffen.

Als Untersuchungsregion ist Vorpommern vorgesehen. Hier treten die Herausforderungen ländlich-peripherer Räume besonders deutlich hervor. Zugleich haben Kirche und Zivilgesellschaft aufgrund der DDR-Geschichte und der damit verbundenen Säkularisierungsprozesse besondere Voraussetzungen. Das Projekt fragt deshalb danach, wie kirchliche und zivilgesellschaftliche Infrastrukturen seit 1989 auf gesellschaftliche Umbrüche, Bevölkerungsrückgang, veränderte finanzielle Bedingungen und den Wandel öffentlicher Daseinsvorsorge reagiert haben und gegenwärtig damit umgehen.

Methodisch verbindet das Projekt quantitative und qualitative Zugänge. Zunächst werden statistische Daten zur Entwicklung kirchlicher und zivilgesellschaftlicher Strukturen seit 1989 ausgewertet. Darauf aufbauend sind Interviews mit Pfarrer:innen, Mitarbeitenden der Diakonie, Ehrenamtlichen sowie Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen geplant.

Ergänzt werden die Interviews durch ethnographische Feldforschung an ausgewählten sozialen Orten. Mittels teilnehmender Beobachtung soll untersucht werden, wie Menschen diese Orte im Alltag nutzen, gestalten und erhalten. Auf diese Weise entsteht ein möglichst vielschichtiges Bild der Praktiken, Beziehungen und räumlichen Bedingungen vor Ort. Die verschiedenen Daten werden vergleichend ausgewertet und zu einer empirisch fundierten Theorie kirchlich-zivilgesellschaftlicher Anpassungsprozesse zusammengeführt.

Das Teilprojekt trägt zugleich ein Querschnittsthema in die Forschungsgruppe AdaptInfra ein: Es untersucht die lokalen und regionalen Reaktionen auf den Wandel von Infrastrukturen. Denn die Schließung eines Krankenhauses, die Neuorganisation kommunaler Angebote oder Veränderungen im öffentlichen Nahverkehr lösen Reaktionen in der Bevölkerung und in zivilgesellschaftlichen Netzwerken aus. Das Projekt fragt danach, wie Kirche, Diakonie und andere lokale Akteur:innen solche Veränderungen wahrnehmen, öffentlich diskutieren und praktisch bearbeiten.

Die Ergebnisse sollen in einer Dissertation sowie weiteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Verhältnis von Kirche und Zivilgesellschaft publiziert werden. Geplant sind außerdem Gastvorträge und Workshops, auch mit Partner:innen aus Kirche, Diakonie und Zivilgesellschaft. Forschungsaufenthalte im europäischen Ausland sollen vergleichende Perspektiven eröffnen und die internationale Vernetzung stärken.

Das Projekt setzt die Greifswalder Tradition praktisch-theologischer Erforschung ländlicher Räume fort. Zugleich leistet es einen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion über gleichwertige Lebensverhältnisse, zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft der Daseinsvorsorge in ländlich-peripheren Regionen.