Gustaf-Dalman-Institut


1700 Jahre in 90 Sekunden

Das jüdische Artefakt des Monats April: Die hebräische Optima

In nur 90 Sekunden Lesezeit stellt das Greifswalder Dalman-Institut – zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" – 2021 jeden Monat virtuell ein besonderes Sammlungsstück vor. Das Programm der Stadt Greifswald zum Festjahr kann als Flyer online abgerufen werden.

Die Optima-Schreibmaschine mit hebräischer Tastatur wurde über Jahrzehnte an der Theologischen Fakultät Greifswald genutzt (Bild: Dalman-Institut Greifswald)
Die Optima-Schreibmaschine mit hebräischer Tastatur wurde über Jahrzehnte an der Theologischen Fakultät Greifswald genutzt (Bild: Dalman-Institut Greifswald)

Glaubt man den Anekdoten der älteren Kollegen, dann haben sich an dieser "Optima 00126" filmreife Szenen abgespielt: wie in den besten Zeiten von Simone de Beauvoir, als die französische Philosophin ihre Texte zwischen halbleeren Kaffeetassen und einem überquellenden Aschenbecher in ihre mechanische Schreibmaschine tippte. Auch in Greifswald war die Optima an der Theologischen Fakultät über Jahrzehnte im Dauerbetrieb. Julia Männchen, die spätere Kustodin der Dalman-Sammlung, hat hier – rauchend und reichlich schwarzen Kaffee trinkend – ungezählte Texte für den Hebräisch-Unterricht oder zu ihren palästinakundlichen Forschungen in akkurate Form gebracht.

Die mechanische Schreibmaschine verfügt über vier braune Tastenreihen mit weißen hebräischen Schriftzeichen. Dabei lassen sich die Typen ebenso wie die Tasten austauschen. In der Dalman-Sammlung ist ein kleiner Umschlag überliefert – mit losen hebräischen Tasten und UNION-Typen. Über den Poststempel lässt sich dieser Reservesatz auf das Jahr 1957 datieren. Doch er kam nie zum Einsatz: Das Original tat klaglos seinen Dienst, bis es wohl um 1990 erst durch eine elektronische Büromaschine und später durch einen Computer ersetzt wurde. Heute wird es in der Sammlung als Erinnerung daran aufbewahrt, dass auch zu DDR-Zeiten die hebräische Sprache in Greifswald geschrieben und gepflegt wurde. Und nicht nur jungen Besucher:innen bereitet es Freude, hier ihren Namen in hebräischen Lettern zu tippen.


1700 Jahre in 90 Sekunden

Das jüdische Artefakt des Monats März: Die Verrücktenmütze

In nur 90 Sekunden Lesezeit stellt das Greifswalder Dalman-Institut – zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" – 2021 jeden Monat virtuell ein besonderes Sammlungsstück vor. Das Programm der Stadt Greifswald zum Festjahr kann als Flyer online abgerufen werden.

Links eine junge Israelin mit der typischen Kopfbedeckung, rechts eine Mädchengruppe in Akko (Bilder: Kleinbilddia des Dalman-Instituts Greifswald nach dem schwedischen Kinderbuch "Helgas Reise" von Sven und Pia Gillsäter aus den 1960er Jahren)
Links eine junge Israelin mit der typischen Kopfbedeckung, rechts eine Mädchengruppe in Akko (Bilder: Kleinbilddia des Dalman-Instituts Greifswald nach dem schwedischen Kinderbuch "Helgas Reise" von Sven und Pia Gillsäter aus den 1960er Jahren)

2017 schaffte es diese Kopfbedeckung in eine Modeausstellung des New Yorker Museum of Modern Art (MoMa), irgendwo zwischen dem kleinen Schwarzen von Chanel und der goldenen Rolex-Uhr. In den 1960er und 1970er Jahren galt die Stoffkappe als Erkennungsmerkmal für Neu-Israelis. Ihr Name, Kova Tembel, lässt sich wohl frei mit "Verrücktenmütze" übersetzen. Die Herkunft der Kappe mit der breiten Krempe, klassischerweise genäht aus fünf Stoffstreifen, ist umstritten. Vielleicht wurde dafür eine türkische Tradition aufgegriffen und in den 1930er Jahren im britischen Mandatsgebiet Palästina massenhaft produziert. Hier wurde sie rasch populär bei Landarbeitern und Militärs, denn sie war ebenso preisgünstig wie unempfindlich. Dass die Kappe ihre Träger nicht wirklich vorteilhaft kleidet, machte sie später zum Gegenstand vieler Scherze und Karikaturen – bis die "Verrücktenmütze" in den 1980er Jahren langsam aus dem Alltagsleben verschwand.

Das hier gezeigte Mädchen mit der vielsagenden Mütze stammt von einem Kleinbilddia der DDR-Zeit, das heute im Greifswalder Dalman-Institut verwahrt wird. So freundlich strahlt die junge Israelin in die Kamera, dass selbst ihre Zahnspange aufblitzt. Ihre wilden Locken und die zerknitterte Hemdbluse sprechen für eine unbändige Lebenslust. Die Vorlage für diese Fotografie findet sich im schwedischen Kinderbuch "Helgas Reise", das in den 1960er Jahren auch in einer deutschen Übersetzung erhältlich war. Darin fliegt das Mädchen Helga nach Israel, um dort die historischen Stätten zu besuchen. Im Buch wird wiederholt ihre Begegnung mit Kindern abgebildet – vom Beduinenjungen in der Wüste bis zur Mädchenclique in Akko. Diese ebenso charmante wie klischeebeladene Fotogeschichte gelangte wohl mit dem Nachlass eines Greifswalder Pfarrers in die Dalman-Sammlung. Er mag damit in den 1960er Jahren diverse Jugendgruppen mit Diaabenden beglückt und ihr Bild von Israel geprägt haben.


1700 Jahre in 90 Sekunden

Das jüdische Artefakt des Monats Februar: Die Weltreisende

In nur 90 Sekunden Lesezeit stellt das Greifswalder Dalman-Institut – zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" – 2021 jeden Monat virtuell ein besonderes Sammlungsstück vor. Das Programm der Stadt Greifswald zum Festjahr kann als Flyer online abgerufen werden.

Ida Pfeiffer auf der "Reise einer Wienerin in das Heilige Land" (Bild: Illustration im Buch des Dalman-Instituts)
Ida Pfeiffer auf der "Reise einer Wienerin in das Heilige Land" (Bild: Illustration im Buch des Dalman-Instituts)

Der Gründer der Greifswalder Sammlung, der Theologe Gustaf Dalman (1855–1941), war – mit Verlaub – kein Feminist. Auch die leichte Muse blieb dem akribischen Forscher zeitlebens fremd. Dennoch findet sich in seiner Institutsbibliothek ein klassischer Frauenroman. Das Bändchen "Reise einer Wienerin in das heilige Land" spannt in Tagebuchform einen weiten Bogen: von Konstantinopel über Jerusalem bis zum Toten Meer, von dort über Damaskus und Ägypten, mit einem Abstecher nach Italien, wieder zurück nach Österreich. Zunächst erschien das Buch anonym. Erst gut zehn Jahre später gab sie sich Ida Pfeiffer (1797–1858) als Autorin zu erkennen. Die zweifache Mutter und Witwe ging 1842 zum ersten Mal ihrem Fernweh nach. Weitere "Weltreisen" und dazu passende Romane sollten folgen, bis sie in Wien an einem Malariaschub verstarb.

Zu ihrer Zeit war eine alleinreisende Frau, noch dazu in Übersee, eine Ausnahmeerscheinung. Ida Pfeiffer entpuppte sich als ausdauernd und couragiert. Mit großer Neugier beschrieb sie die ihr fremden Kulturen, ohne den Blick einer westeuropäischen Christin konservativer Prägung zu verlieren. Manches idealisierte sie, anderes wertete sie ab, aber sie kritisierte ebenso soziale Missstände. In Palästina bemerkte sie überrascht, wie "nett und rein" das Zimmer bei ihren jüdischen Gastegeber:innen sei. Eingewanderte osteuropäische Jüd:innen fragte sie nach ihren Beweggründen: Das sei "eine große Sehnsucht, die letzten Tage ihres Lebens in der Heimath ihrer Vorältern zuzubringen". Viele dieser Schilderungen liest man heute mit einer Mischung aus Respekt und Kopfschütteln. Gehört ein solches Buch in eine universitäre Sammlung? Vielleicht wird andersherum ein Schuh daraus: Wenn ein kaisertreuer Palästinakundler den Roman einer weltreisenden Biedermeier-Hausfrau in seine Bibliothek aufnehmen konnte, macht diese Spannung unseren Blick auf eine besondere Kulturlandschaft heute erst vollständig.


1700 Jahre in 90 Sekunden

Jüdisches Artefakt des Monats Januar: Aufstand in der Streichholzschachtel

In nur 90 Sekunden Lesezeit stellt das Greifswalder Dalman-Institut – zum Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" – 2021 jeden Monat virtuell ein besonderes Sammlungsstück vor. Das Programm der Stadt Greifswald zum Festjahr kann als Flyer online abgerufen werden.

"Jüd. Aufstandsmünzen" in einer Streichholzschachtel – ein Teil der Münzsammlung des Greifswalder Gustaf-Dalman-Instituts
"Jüd. Aufstandsmünzen" in einer Streichholzschachtel – ein Teil der Münzsammlung des Greifswalder Gustaf-Dalman-Instituts

In der kleinsten Schachtel steckt oft die größte Überraschung: Als erstes "Jüdisches Artefakt des Monats" zeigt das Dalman-Institut eine Münze von 67 nach unserer Zeitrechnung (n.u.Z.). Oder, um den hebräischen Buchstaben auf der Vorderseite zu folgen, aus dem "Jahr 2" (daneben eine Amphore). Bereits ein Jahr zuvor hatte sich der erste Jüdische Aufstand gegen die römische Besatzung aufgelehnt. Entsprechend selbstbewusst trägt die Rückseite der Münze eine Weinranke und den Schriftzug: "Freiheit Zions". Eine Selbständigkeit, die schon kurz darauf enden sollte. Denn 70 n.u.Z. eroberten die Römer erneut Jerusalem, gut drei Jahre später unterlag mit der Festung Masada dann der letzte Rückzugsort der Bewegung. Zwei weitere Aufstände dieser Art sollten bis 135 n.u.Z. folgen, die beide ebenfalls unterlagen.

Die rund 600 historischen Münzen der Dalman-Sammlung wurden in den vergangenen Monaten hervorgeholt, fotografiert, beschrieben und online zugänglich gemacht – in Zusammenarbeit mit der Kustodie der Universität Greifswald und dem Forschungsverbund NUMiD. Bei den Stücken, die der Sammlungsgründer Gustaf Dalman (1855–1941) selbst bestimmt hat, ist oft die Verpackung mindestens ebenso interessant wie der Inhalt. In diesem Fall steckt die oben beschriebene Münze in einer alten Streichholzschachtel. Auf dem Deckel trägt ein Klebezettel, wie vom Rand eines Briefmarkenbogens abgerissen, in Dalmans Handschrift den Hinweis: "Jüd. Aufstandsmünzen. Dubletten", denn im Inneren finden sich gleich zwei fast identische Exemplare. Ursprünglich, wohl im frühen 20. Jahrhundert, lag in der Schachtel ein Fabrikat der Firma "Kaiser". Immerhin handelte es sich um fortschrittliche "Sicherheitshölzer, wie stolz beworben wird: "Entzünden sich nur an präparirten Reibeflächen". Bis heute schützt die recycelte Verpackung in Greifswald zwei Münzen, die auf eine Wegmarke der jüdischen Geschichte verweisen.

Alle Dalman-Münzen sind online auf der zentralen Sammlungsseite der Universität Greifswald zu finden – und erste Stücke können bereits virtuell auf dem Portal "NUMiD" eingesehen werden, darunter auch die Greifswalder Aufstandsmünze (fachkundig beschrieben von den Theologiestudentinnen Marielis Adami und Hannah Siry). In Zusammenarbeit mit NUMiD werden aktuell in Greifswald auch die Münzbestände der Universität und der theologischen Victor-Schultze-Sammlung erfasst.

Auf den Punkt gebracht – in der Schachtel liegt unter der Münze (hier deren Rückseite) auch ein handschriftlicher Zettel: "Aufstand"
Auf den Punkt gebracht – in der Schachtel liegt unter der Münze (hier deren Rückseite) auch ein handschriftlicher Zettel: "Aufstand"

Aktuelles

Gustaf Dalman: Jaffa, 1906 (Bild: Dalman-Institut Greifswald)
Gustaf Dalman: Jaffa, 1906 (Bild: Scan vom Original-Negativ, Dalman-Institut Greifswald)

"Neu aufgerollt": Historische Palästina-Bilder werden restauriert und ausgestellt

In einer Kooperation des Greifswalder Gustaf-Dalman-Instituts mit Forscher*innen aus Berlin und Graz dokumentieren und konservieren Studierende der Museumskunde, der Restaurierung und der Theologie gemeinsam alte Foto-Negative. Die Ergebnisse der Kooperation werden im Herbst 2021 – im Rahmen des bundesweiten Themenjahrs „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ – auch als virtuelle wie analoge Ausstellung „Neu aufgerollt“ in der Stadtbücherei Greifswald zu sehen sein. Damit werden rund 1000 historische Palästina-Bilder erstmals wieder sichtbar, die der Forschung über Jahrzehnte entzogen waren.

Für das kürzlich erschienene Buch "Das gelobte Land der Moderne" hat die Autorin Dr. Karin Berkemann erstmals den historischen Fotobestand des Gustaf-Dalman-Instituts bildwissenschaftlich ausgewertet. Bei den Recherchen zum Buch wurden in der Greifswalder Sammlung rund 1000 historische Negative wiederentdeckt. Die Negative stammen vom Theologen Gustaf Dalman (1855–1941). Schon während seiner ersten Reise in die Kulturlandschaft Palästina 1899/1900 fotografierte er vor Ort – ein Wissensschatz und zugleich ein sehr persönlicher Blick, der in den Negativen gespeichert ist.

"Das Besondere dieser Negative ist, dass es sich um sehr frühe Planfilmnegative handelt. Dies ist ein damals noch neues Material, mit dem auch Amateur*innen rasch und kostengünstig fotografieren konnten. Erst der Plan- und Rollfilm machte aus der Fotografie später ein Massenphänomen. Die wiederentdeckten Negative erlauben es den Forscher*innen nun erstmals, einzelne Fotografien eindeutig Gustaf Dalman zuzuordnen. Das große Problem dieser frühen Planfilmnegative ist, dass das Material mit den Jahren spröde und brüchig wird sowie sich teils wellt und aufrollt. Daher müssen die Greifswalder Negative drängend von Restaurator*innen untersucht und konserviert werden", berichtet Dr. Karin Berkemann, Kustodin des Gustaf-Dalman-Instituts der Universität Greifswald.

Um der Bedeutung der Negative gerecht zu werden und die kniffligen restauratorischen Fragen kompetent beantworten zu können, startet nun eine Kooperation. Im Wintersemester 2020/21 werden Studierende der Theologie, der Museumskunde und der Restaurierung – unter Beachtung aller Hygiene- und Abstandsregeln – digital zusammenarbeiten. Sie werden die Negative dokumentieren, konservatorisch-restauratorisch behandeln, digitalisieren und archivgerecht verpacken. Das Projekt wird geleitet von Dr. Karin Berkemann am Dalman-Institut der Universität Greifswald, von Prof. Dr. Ulrich Rüdel vom Studiengang Konservierung und Restaurierung/Grabungstechnik und Prof. Dr. Susanne Kähler vom Studiengang Museologie – beide für die Hochschule für Technik und Wirtschaft, HTW Berlin – sowie der Dipl.-Rest. Fenna Yola Tykwer, Leiterin der Restaurierungswerkstatt an der Karl-Franzens-Universität (K-F-U) Graz, Lehrbeauftragte u. a. an der HTW Berlin und der K-F-U Graz.

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